VCD erinnert an Einstellung des Personen­zugverkehrs nach Maulbronn vor 40 Jahren

VCD Pforzheim/Enz, Presseinformation Nr. 15/2013, Mühlacker, 27. Mai 2013
150 Jahre Grenzbahnhof Mühlacker zeigt Bedeutung der Eisenbahn

150 Jahre Eisenbahnknotenpunkt Mühlacker (1. Juni 1863), 40 Jahre Einstellung Per­sonen­zugverkehr nach Maulbronn (2. Juni 1973), 22 Jahre Einstellung Personen­zug­verkehr Bretten – Mühl­acker 30. Mai 1991 – dieses Auf und Ab im Verkehrsangebot ist Anlass für den ökologischen Verkehrsclub Deutschland (VCD), die Verkehrspolitik der vergangenen Jahre im (früheren) Oberamt Maulbronn Revue passieren zu las­sen.

VCD-Landesvorsitzender Matthias Lieb: „Die Eisenbahn hat die Wirtschaft der Region entscheidend geprägt, der Aufstieg Mühl­ackers zur Industriestadt wurde vom Bahnhof und den guten Verkehrsverbindungen –gerade auch im Personenverkehr – ent­scheidend bestimmt. Andere, früher bedeutendere Orte wie z.B. Maulbronn mit dem Oberamt –ver­gleichbar mit der heutigen Kreisverwaltung des Enzkreises –oder Knittlingen an der frü­he­ren Postkutschenlinie Stuttgart – Frankfurt hatten das Nachsehen.

Mit dem Staatsvertrag zwischen Baden und Württemberg im Jahr 1850 wurden die ent­scheidenden Weichen gestellt, 1853 erhielt die kleine Gemeinde Dürrmenz-Mühl­acker einen Bahnhof, der am 1. Juni 1863, d.h. vor genau 150 Jahren, zum badisch-württembergischen Grenzbahnhof ausgebaut wurde. Wenige Jahre später hielt dort sogar regelmäßig der legendäre Orient-Express.

Mit dem Aufkommen des Individualverkehrs per PKW wurden die Eisen­bahnen in der Fläche häufig als unwichtig eingeschätzt – Strecken­stillegungen waren die Folge. So wurde auf der 1914 eröffneten Nebenbahn nach Maulbronn vor 40 Jahren, am 2. Juni 1973, der Personenverkehr eingestellt. Und während die Schnell­fahrstrecke Mannheim – Stuttgart 1991 eröffnet wurde, bedeutete dies gleichzeitig am 30. Mai 1991 das Ende für den Personen­zugverkehr zwischen Bretten und Mühlacker.

Doch heute spielt eine gute Verkehrsanbindung per Eisenbahn wieder eine ent­scheidende Rolle, so Matthias Lieb: „Der frühere Brettener Oberbürgermeister Metzger hat vor über 20 Jahren, als Bretten eine wirtschaftliche Krise durchlebte, bewusst auf die Stadtbahn nach Karlsruhe gesetzt und Bretten zur Vorzeigestadt für modernen ÖPNV entwickelt –in der Folge sind die Ein­wohner­zahlen zwischen 1990 und 2010 um 17%angestiegen. Auch Vaihingen/Enz hat von der Schnellfahrstrecke stark profitiert –hier stiegen die Einwohnerzahlen seither um 16%.

Im Enzkreis wurden die Fehler der bundesdeutschen Verkehrspolitik der Ver­gan­gen­heit ebenfalls erkannt und wurde der Schienen­verkehr deutlich auf­gewertet: Seit 1999 fahren gelbe Stadtbahnen und rote Züge im Wechsel, zwischen Remchingen und Illingen alle 30 Minuten. In Bad Wildbad wurde die Enztal­bahn als elektrische Stadtbahn bis zum Kurpark verlängert. Auch nach Bretten wurde die erst 8 Jahre zuvor eingestellte Verbindung 1999 wieder als stündliche Stadtbahn reaktiviert – mit stetig steigenden Fahr­gastzahlen.

Die Stadt Knittlingen, die zwar in der Bahnhofstraße ein Bahn­hofs­gebäude stehen hat, doch deren Bahn vor 100 Jahren nur begonnen, aber nie fertig gestellt wurde, bemühte sich vor ca. 10 Jahren nach Kräften um eine Schienenverbindung, musste aber erkennen, dass der Neubau einer Strecke – im Gegensatz zur Reaktivierung einer schon vorhandenen, ungleich aufwändiger und damit derzeit nicht darstellbar ist.

Auch auf der Bahnlinie nach Maulbronn sind wieder Züge unterwegs – seit 1997 fährt dort auf Initiative des VCD der sommer­sonntägliche Ausflugszug „Klosterstadt-Express“ von Tübingen und Pforzheim bzw. Mühlacker aus.

Auffällig ist, dass nur in Maulbronn kein großes Interesse an einer Reaktivierung der Schienenverbindung besteht –auch die jetzige Bus-Anbindung des Westbahnhofs ist für die Fahrgäste un­be­frie­di­gend“, erklärt Matthias Lieb. Schon vor 146 Jahren weigerte sich Maulbronn, die Anbindung des Westbahnhofs zu verbessern: Während die Ver­waltung des Oberamtes (vergleichbar dem heutigen Enzkreis) 1867 einen Fuß­weg vom Bahnhof zur Stadt wünschte, verweigerte der Gemeinderat der Kloster­stadt aus Kostengründen den Bau, wie dem Maulbronner Heimatbuch zu entnehmen ist – möglicherweise ist das mit ein Grund, dass sich am Westbahnhof keine Industrie ansiedelte.

Maulbronn hatte 1853 als einziger Ort zwischen Mühlacker und Bretten einen Bahn­hof erhalten – doch leider 3 Kilometer vom Kloster entfernt im Wald. Hermann Hesse schrieb später einmal: „Ich fuhr mit der kleinen Bahn durch die sommerlichen Hügel der Maulbronner Gegend, stieg an der verschlafenen Station aus und wanderte durch den feuchten, moorigen Wald gen Maulbronn“. Immerhin zweimal am Tag gab es vom Bahnhof aus einen Post­kutschenanschluss nach Maulbronn (und Knittlingen). Doch während sich in Mühlacker rund um den Bahnhof wichtige Industriebetriebe an­siedel­ten und die Gemeinde wuchs und gedieh, wurden am Maulbronner Bahnhof nur Sand­steine verladen – die oft schon auf dem Weg vom Steinbruch zum Bahnhof zu Bruch gingen.

Später erkannten auch die Stadtväter der Klosterstadt ihre Versäumnisse und be­mühten sich um einen Bahnanschluss bis in die Stadt – nach vielen Anläufen konnte 1914 die nur 2,3 Kilometer lange Stichstrecke in Betrieb genommen werden.

Über die Geschichte der Bahnen im östlichen Enzkreis und über geplante, aber nie realisierte Strecken nach Knittlingen, Kürnbach und Sternenfels informiert der VCD bei einer Radtour am Sonntag, 9. Juni 2013. Treffpunkt ist um 11 Uhr am Bahnhof Mühlacker. Die erste Etappe wird mit dem Ausflugszug nach Maulbronn zurück­gelegt, dort geht es um 11:30 Uhr per Rad weiter über Sternenfels, Leonbronn, Kürnbach, Oberderdingen, Knittlingen und Bretten (ca. 40 Kilometer mit Steigungen). Anhand von Original­plänen werden die verschiedenen Projekte beschrieben.

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Autor: VCD Baden-Württemberg.

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